Ausgewählter Beitrag
So ging es mir in Helen, Georgia.
Mitten in den Blue Ridge Mountains stehen Fachwerkhäuser, an den Fassaden findet man deutsche Namen, es gibt Bratwurst, Biergärten und Straßenschilder, bei denen man sich kurz fragen könnte, auf welcher Seite des Atlantiks man eigentlich gerade unterwegs ist.
Natürlich ist Helen nicht wirklich Bayern. Aber die kleine Stadt spielt ziemlich überzeugend damit.

Helen war nicht schon immer das kleine „Alpendorf", das man heute kennt.
Ende der 1960er-Jahre suchten Geschäftsleute nach einer Möglichkeit, den wirtschaftlich angeschlagenen Ort wiederzubeleben. Gemeinsam mit einem Künstler entstand die Idee, das Zentrum im Stil eines bayerischen Alpendorfes umzugestalten.
1969 begannen Geschäftsleute und Handwerker mit dem Umbau. Fassaden bekamen Fachwerk, Balkone, Türmchen, Verzierungen und Wandmalereien. Aus einer kleinen Stadt in den Bergen von Georgia wurde nach und nach Alpine Helen.
Heute kommen jährlich mehr als zwei Millionen Besucher hierher.
Und ja, das Ganze ist natürlich touristisch. Sehr touristisch sogar.
Aber irgendwie macht genau das auch Spaß.
Für mich bekommt die Geschichte von Helen noch eine ganz andere Bedeutung.
Denn Helen verbindet tatsächlich etwas mit meiner eigenen Familiengeschichte.
Seit 1978 besteht eine Städtefreundschaft zwischen Helen und Füssen im Allgäu.
Und Füssen ist meine Geburtsstadt.
Und die meiner Mama.
Meine Oma lebte dort bis zu ihrem Tod.
Plötzlich ist dieses amerikanische „Little Bavaria" also gar nicht mehr so weit weg von zu Hause.
Gestern erzählte mir meine Mama eine Geschichte, die ich bis dahin gar nicht kannte.
Es ist viele, viele Jahre her. Aus Füssen war damals wohl eine Musikgruppe oder die Stadtkapelle zum Oktoberfest nach Helen eingeladen worden.
Meine Oma hatte meiner Mama davon erzählt.
Und meine Mama?
Die machte sich tatsächlich auf den Weg nach Helen.
Bei den Feierlichkeiten durfte sie sogar die Stadtflagge von Füssen tragen.
Als sie mir davon erzählte, konnte ich noch immer hören, wie stolz sie damals darauf gewesen sein muss.
Und genau solche Geschichten liebe ich.
Da steht man Jahrzehnte später selbst in Helen, Georgia, schaut auf diese etwas verrückte Mischung aus amerikanischer Kleinstadt und bayerischer Kulisse und erfährt plötzlich, dass die eigene Mama genau hier einmal mit der Füssener Stadtflagge unterwegs war.
Das hätte ich vorher wirklich gern gewusst.

Dass ausgerechnet Füssen und Helen miteinander verbunden sind, passt ziemlich gut.
Denn Helen feiert seit 1970 Oktoberfest. Es gilt heute als das am längsten bestehende Oktoberfest dieser Art in den USA.
Gefiert wird in der Festhalle direkt am Chattahoochee River mit Musik, Tanz, deutschem Essen und natürlich Bier.
Und ein kleines Detail finde ich besonders nett:
Der Biergarten an der Festhalle heißt tatsächlich „Fussen Biergarten".
Spätestens da ist die Verbindung nicht mehr zu übersehen.
Wir sind einfach durch den Ort gelaufen und haben geschaut.
Das reicht in Helen eigentlich schon als Programmpunkt.
Die Häuser sind vermutlich das Erste, was auffällt. Fachwerk, Balkone, Türmchen, Wandmalereien und dazwischen immer wieder Details, bei denen man stehen bleibt.
Natürlich mit der Kamera.












Durch Helen fließt außerdem der Chattahoochee River. Im Sommer gehört Tubing zu den typischen Aktivitäten hier. Man setzt sich in einen großen Reifen und lässt sich einfach durch den Ort treiben.
Helen ist überhaupt ein guter Ausgangspunkt, wenn man Stadt und Natur miteinander verbinden möchte. Die Blue Ridge Mountains liegen direkt vor der Haustür.
Bei unserem Spaziergang sind uns auch die vielen Liebesschlösser aufgefallen.
Menschen schreiben ihre Namen, Initialen oder ein Datum auf ein Schloss, befestigen es gemeinsam und lassen damit ein kleines Zeichen zurück.
Ob die Liebe dadurch tatsächlich länger hält, kann ich natürlich nicht versprechen.
Fotogen sind die vielen Schlösser auf jeden Fall.


Helen ist speziell.
Ein bisschen Bayern.
Ein bisschen amerikanische Vorstellung von Bayern.
Ganz viel Tourismus.
Und drumherum wunderschöne Natur.
Man muss diesen Ort wahrscheinlich gar nicht allzu ernst nehmen. Einfach durch die Straßen schlendern, die Häuser anschauen, am Chattahoochee sitzen, etwas essen, fotografieren und sich auf dieses etwas kuriose kleine Stück „Deutschland" in Georgia einlassen.
Für mich kam diesmal noch etwas anderes dazu.
Füssen → Helen. Meine Oma → meine Mama → und nun ich.
Meine Mama war vor vielen Jahren hier und trug stolz die Füssener Stadtflagge.
Und jetzt stehen wir wieder in Helen.
Manchmal sind es eben nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die einen Ort besonders machen.
Sondern die Geschichten, die plötzlich dazugehören.
Beatrice 03.09.2026, 23.08
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